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Frau Krämer gibt nicht auf

Marlies Krämer gibt nicht auf und kämpft weiter für gendergerechte Sprache auf Sparkassenformularen

Nie mehr „Kunde“ sein: Das wünscht sich Marlies Krämer schon seit Jahren – und hat deswegen ihre Sparkasse verklagt. Die Achtzigjährige will nicht länger hinnehmen, dass die Bank sie in Geschäftsdokumenten nur in der männlichen Form anspricht. Dafür geht Krämer durch alle Instanzen. Im Netz aber gibt es für ihren Kampf um Gleichberechtigung viel Häme. Warum eigentlich?

Eine „Kundin“ sei sie, kein „Kunde“, eine „Kontoinhaberin“, kein „Kontoinhaber“, wird Marlies Krämer Anfang dieser Woche von vielen Medien zitiert, und so wolle sie auch auf ihren Bankformularen angesprochen werden, in, grammatikalisch korrekter, weiblicher Form.

Mit ihrer Sparkasse liegt sie seit Jahren im Rechtsstreit. Drei Mal ist sie mit ihrer Klage schon gescheitert, zuletzt Anfang dieser Woche beim Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe. Doch ans Aufgeben denkt Frau Krämer noch lange nicht. Für ihren Kampf gegen das sogenannte generische Maskulinum will sie bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen. Ihr geht es ums Prinzip: Frau Krämer will auch in der Sprache als Frau existieren und wahrgenommen werden.

Im Netz erntet sie für ihre jüngste Niederlage vor Gericht Häme und Ignoranz. Und ich frage mich, warum eigentlich? Die Kommentare der User_innen auf den Facebook-Seiten von Zeit Online, ZDF heute oder Spiegel Online sind ein mindestens ebenso großer Skandal wie das BGH-Urteil selbst, finde ich.

Man mag kaum glauben, dass wir das Jahr 2018 schreiben, wenn man die Reaktionen auf die Entscheidung liest: „Deswegen beschäftigt die gute Frau die höchsten Gerichte im Land? Eine Querulantin!“ „Dass sich der BGH mit so einem Schwachsinn abgeben muss, ist lächerlich.“ „Hoffentlich priorisiert das [Bundesverfassungsgericht] die eingehenden Klagen nach Relevanz und reiht diese hier ganz, ganz hinten ein.“ „Wie alt ist die Dame??? Und das fällt der jetzt ein?? Man wie gut das sie mit so einem Schwachsinn nicht durchgekommen ist.“ Oder auch: „Diese Diskussion und Nickeligkeiten [sic] sind so überflüssig wie ein Kropf.“ (Von einer Frau, wohlgemerkt!)

Zeile um Zeile reichen sich auf Facebook diejenigen den Staffelstab, die das Anliegen von Marlies Krämer für überflüssig, irrelevant und Zeitverschwendung halten. Was sagen diese Reaktionen über ihre Absender aus? Was über ihr Weltverständnis? Und wie kann es sein, dass Forderungen nach der Gleichberechtigung aller Geschlechter, die – zumindest offiziell – in immer größeren Teilen der Bevölkerung Anklang und Befürworter_innen finden, vor so etwas Existenziellem wie der Sprache Halt machen? Wie kann ausgerechnet Sprache, dieses Vehikel, das unser Denken erst greif- und kommunizierbar macht, da eine Ausnahme sein?

Selbst die Richter_innen räumen in ihrer Ablehnung von Frau Krämers Revisionsantrag ein, ihnen sei sehr wohl bewusst, dass „grammatisch maskuline Personenbezeichnungen, die sich auf jedes natürliche Geschlecht beziehen“ bereits seit den 70er Jahren kritisch gesehen und „teilweise nicht mehr so selbstverständlich als verallgemeinernd empfunden werden, wie dies noch in der Vergangenheit der Fall gewesen sein mag“. Gleichwohl erfahre die Klägerin „allein durch die Verwendung generisch maskuliner Personenbezeichnungen keine Benachteiligung im Sinne von § 3 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes.“ Der Bedeutungsgehalt grammatisch männlicher Personenbezeichnungen kann nach dem allgemein üblichen Sprachgebrauch und -verständnis Personen umfassen, deren natürliches Geschlecht nicht männlich ist („generisches Maskulinum“). Ein solcher Sprachgebrauch bringe keine Geringschätzung gegenüber Personen zum Ausdruck, deren natürliches Geschlecht nicht männlich ist.

Trotzdem legt der BGH auf seiner eigenen Homepage offenbar viel Wert auf Geschlechtszugehörigkeit: Alle weiblichen Mitglieder des Gerichts werden dort konsequent als „Richterinnen“ geführt.

Was können wir aus all dem lernen? Vielleicht das:

  1. Die Gleichberechtigungsdebatte ist gut, schön und wichtig, zum Beispiel wenn es um die Gender Pay Gap geht. Reformen leiten wir daraus aber bitte nicht ab. Denn das käme teuer, wäre Arbeit und damit unbequem.
  2. Wissenschaftliche Forschungserkenntnisse sind zwar legitim, aber nicht zwingend zu berücksichtigen – wie sonst erklärt sich, dass man am BGH zwar einräumt, um die Kritik am generischen Maskulinum zu wissen, gleichwohl werden Forschungen, die zeigen, dass die Verwendung ausschließlich männlicher Formen unser Denken beeinflusst, nicht in die Rechtsprechung mit einbezogen.
  3. In einem Land, in dem wir in jeder Hinsicht nach Fortschritt streben, müssen wir anerkennen, dass es mindestens eine Ausnahme gibt: Unsere Rechtsprechung. Hier herrschen offenbar noch Maßstäbe von Vorvorgestern. „Haben wir immer schon so gemacht“ hat hier anscheinend Konjunktur. Das Landgericht Saarbrücken etwa wies Krämers Klage mit der Begründung ab, das generische Maskulinum werde geschlechtsneutral verwendet, und das seit 2.000 Jahren. Wo kämen wir hin, wenn ein deutsches Gericht den Mut hätte, Überholtes offen anzukreiden und Entscheidungen mit Signalwirkung zu treffen?

Was bleibt? Vielleicht die Erkenntnis, dass die Ablehnung gendergerechter Sprache durch den BGH nur dessen eigene Widersprüchlichkeit, Feigheit und Rückwärtsgewandtheit demaskiert. Was auch bleibt: Die Hoffnung, dass Marlies Krämer nicht aufgibt, dass sie weiterkämpft gegen die Windmühlen der deutschen Justiz, gegen den Konservatismus an deutschen Gerichten. Bis dahin kriechen wir zurück in unsere Höhlen, es ist schließlich erst 2018.

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