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Gefährliches Pflaster:
In den Souks von Marrakesch

Marrakesch: In den Souks

Zwei Mal kurz hupt es hinter mir – da ist es auch schon zu spät. Ich spüre, wie ich den Halt zu verlieren drohe, wie etwas, mitten im Gehen, mit voller Wucht die Rückseite meines Fußes rammt. Das Gewicht, der Druck auf den Fuß nehmen zu, ich stolpere endgültig, drehe mich – zumindest mit dem Oberkörper – um und schaue in die dunklen Augen eines etwa 50-jährigen Mofafahrers, dessen Vorderrad noch immer auf meinem Fuß steht. An das Chaos danach erinnere ich mich nur noch verschwommen.

Es ist unser zweiter Tag in Marokko. Nach einem Ausflug über das Atlasgebirge nach Ouarzazate, das Babelsberg Marokkos, wollten wir heute Marrakesch erkunden. Keine Stunde hatte es gedauert, da waren wir schon stolze Besitzer einer handgefertigten Messinglampe, und fanden uns, kurze Zeit später, in einem der berühmt berüchtigten Teppichhäuser wieder, in denen traditionelle Kelims, Berber- und Seidenteppiche bis an die acht Meter hohen Decken gestapelt sind. Marrakesch verschlang uns regelrecht, wir verloren uns in den Souks, in abwiegelnden Gesprächen mit aufdringlichen Verkäufern, bis zu diesem einen Moment.

Aus dem Ohrenwinkel höre ich, wie mein Freund den Mofafahrer auf Englisch anbrüllt – so aufgebracht habe ich ihn noch nie erlebt. Die sich um uns bildende Traube aus Menschen nehme ich wie durch einen Schleier wahr. Jemand nimmt meine Hand, redet auf Französisch beruhigend auf mich ein. Wie aus dem Nichts taucht vor mir eine Apfelsinenkiste auf, auf die ich mich sinken lasse. Inzwischen laufen mir die Tränen über die Wangen, ich weiß nicht, ob vor Schock, Angst oder doch Schmerzen in meinem Fuß, die sich nun langsam aber sicher ihren Weg in mein Bewusstsein bahnen.

Marrakesch: In den Souks geht es chaotisch zu„You have to breathe“, sagt der Mann, der neben mir hockt und meine sich verkrampfenden Hände hält, mit starkem französischen Akzent. Ich hyperventiliere, aber ich kann nichts dagegen tun. Der Mann lächelt mich an und sagt, dass alles gut wird. Auch wenn ich in diesem Moment gefühlt kilometerweit davon entfernt bin, seine Überzeugung zu teilen, beruhigt mich seine Anwesenheit.

Inzwischen haben sich immer mehr Menschen um uns gescharrt. Als ich aufschaue, sehe ich, wie der Mofafahrer und einige andere Männer sich lauthals auf Arabisch anschreien. Ich sehe, wie mein Freund vergeblich versucht, einem der Umstehenden die Nummer der Polizei zu entlocken und dann, wie sich alle auf denjenigen stürzen, der sie ihm schließlich verrät. Auch mein Freund, der sonst so ruhig und besonnen ist, ist aufgebracht. Von hier unten, auf meiner Apfelsinenkiste, erscheint mir die Stimmung von Minute zu Minute angespannter. Zu allem Überfluss macht sich der Mofafahrer im allgemeinen Tohuwabohu unbemerkt aus dem Staub.

Irgendwann ist die Polizei da. Meinen Personalausweis halten sie für einen Fake – da ich das Gleiche über ihren Dienstausweis denke, der wie selbstgebastelt wirkt, sind wir quitt. Als ihr französischer Fragenhagel über uns hereinbricht, schaue ich hilflos den Mann an, der noch immer meine Hand hält. Er dolmetscht für uns. Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal an diesem Tag wünschte ich, dass sich mein Schulfranzösisch besser gehalten hätte.

Die Polizisten versprechen, einen Krankenwagen zu rufen, da rast in der engen Straße auch schon das nächste Moped mit 30 Sachen an uns vorbei. Noch während ich auf der Apfelsinenkiste sitze und mir den rechten Fuß halte, der inzwischen deutlich angeschwollen ist, und auf den Krankenwagen warte, flüstert eine Stimme in meinem Hinterkopf, dass das alles in drei Monaten bestimmt eine gute Geschichte sein wird.

Marrakesch: Ein Eselkarren parkt in der MedinaDie gefühlten Stunden auf der Apfelsinenkiste sind inzwischen fast vier Wochen her – bis sich das Ganze in eine “gute Geschichte“ verwandelt, dauert es also noch zwei Monate und eine Woche. Zwischen Marrakesch und mir liegen 3.600 Kilometer, zahlreiche Arztbesuche und geschätzte 40 Ibuprofen. Statt unvergesslichen Erinnerungen, einem Haufen toller Fotos und sonnengebräunter Haut habe ich einen Gips aus Marokko mitgebracht, der inzwischen einer Orthese gewichen ist, einem Moonboot-artigen Schuh mit Schienen. Und so bleibt mir momentan nichts übrig, als den einsetzenden Frühling durch die Fenster unserer Berliner Altbauwohnung zu beobachten.

Erst jetzt, zurück auf der heimischen Couch, schlägt die Traurigkeit zu, setzt die Erkenntnis ein, dass dieser Urlaub, auf den ich mich so viele Monate gefreut hatte, zu Ende war, bevor er richtig begonnen hatte. Nur ein einziger kleiner Moment hat unsere Reise verändert, hat dafür gesorgt, dass ich nun zwar nicht die Küstenstadt Essaouira, in die wir am Tag nach dem Unfall eigentlich hätten weiterreisen wollen, dafür aber das internationale Krankenhaus von Marrakesch kenne. Profi in Sachen Thrombosespritzen bin ich jetzt auch. Und Marokko? Kriege ich trotzdem nicht aus dem Kopf. Dafür hat allein Marrakesch schon viel zu viele Gesichter – die ich mir noch mal in Ruhe anschauen werde, wenn ich erst mal wieder auf den Füßen bin.

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